Es gibt Orte in Deutschland, an denen man meint, plötzlich ans Mittelmeer versetzt worden zu sein. Das Treppenviertel in Hamburg-Blankenese ist einer dieser Orte. Weiße Villen mit blauen Fensterläden, üppig blühende Gärten, verwinkelte Gassen und immer wieder spektakuläre Ausblicke auf die Elbe – hier trifft hanseatische Noblesse auf mediterranes Flair.
Das Geheimnis liegt in der einzigartigen Topografie: Der steile Elbhang zwischen dem 75 Meter hohen Süllberg und dem Wasser machte den Bau normaler Straßen unmöglich. Stattdessen verbinden 58 Treppen mit insgesamt knapp 5.000 Stufen die verschiedenen Ebenen des Viertels – ein Labyrinth, das dem Stadtteil seinen Namen gab und ihn zu einer der ungewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten Hamburgs macht.
700 Jahre Geschichte
Das Treppenviertel kann auf eine 700-jährige Geschichte zurückblicken. Blankenese wurde 1301 erstmals urkundlich erwähnt – damals als kleines Fischerdorf, das im Laufe der Jahrhunderte abwechselnd dänisch, österreichisch und preußisch war, bevor es 1927 nach Hamburg eingemeindet wurde.
Die Fischer siedelten am Hang, weil das flache Elbufer regelmäßig überschwemmt wurde. Ihre kleinen Häuser, oft nur über steile Pfade erreichbar, bildeten den Kern des heutigen Viertels. Im 19. Jahrhundert entdeckten dann wohlhabende Hamburger Kaufleute die Schönheit des Ortes. Sie kauften die Grundstücke am Hang und errichteten prachtvolle Villen mit Elbblick. Die alten Fischerhäuser wurden liebevoll restauriert – und sind heute begehrte Immobilien in einem der teuersten Stadtteile Deutschlands.
Das älteste Haus
Bei Renovierungsarbeiten stellte sich heraus, dass das Haus Elbterrasse 6 im Kern bereits 1570 erbaut wurde – es ist damit das älteste erhaltene Gebäude im gesamten Bezirk Altona und eines der ältesten Häuser Hamburgs. Weitere intakte Fischerhäuser aus dem 18. Jahrhundert finden Sie Am Hang 1 und Op'n Kamp 9.
Op'n Kamp – Reetdachhaus trifft Villa – Foto: Bernhard Diener, CC BY-SA 4.0
Architektonische Vielfalt
Was das Treppenviertel so besonders macht, ist die Mischung der Baustile. Hier stehen ehrwürdige Reetdachhäuser neben klassizistischen Villen, Jugendstilbauten neben modernen Architektenhäusern. Alles verbunden durch die charakteristischen Treppen und schmalen Gassen, gesäumt von Natursteinmauern und historischem Kopfsteinpflaster.
Typische Merkmale
- Weiß verputzte Fassaden mit farbigen Fensterläden
- Üppig begrünte Vorgärten mit mediterranen Pflanzen
- Natursteinmauern und historisches Kopfsteinpflaster
- Traditionelle Reetdachhäuser der Fischer
- Liebevolle Details: Schmiedeeisen, Stuck, Holzverzierungen
Die namensgebenden Treppen
Die Treppen des Viertels sind mehr als nur Verkehrswege – sie sind das Herzstück von Blankenese. Viele tragen historische Namen wie „Bröers Treppe" oder „Flashoffs Treppe", die an alte Blankeneser Familien erinnern. Allein die Strandtreppe hat 170 Stufen.
Jede Treppe hat ihren eigenen Charakter: Manche sind breit und einladend, andere eng und steil. Manche führen durch grüne Tunnel aus Efeu und wildem Wein, andere bieten überraschende Ausblicke auf die Elbe und vorbeifahrende Containerschiffe.
Flashoffs Treppe – Foto: Bernhard Diener, CC BY-SA 4.0
Die Bergziege – Bus durch das Labyrinth
Wer nicht so gut zu Fuß ist oder sich den Aufstieg sparen möchte, kann mit der „Bergziege" durch das Treppenviertel fahren. Die Elektro-Kleinbusse der HVV-Linie 488 schlängeln sich auf und ab durch die engen Straßen – etwa 20 Minuten dauert eine Rundfahrt vom Bahnhof Blankenese durch das Viertel und zurück.
Der Spitzname ist Programm: Die wendigen Busse meistern Steigungen und Serpentinen, an denen normale Linienbusse längst aufgeben würden. Seit 2018 ist die Linie ohne Zuschlag nutzbar und fährt nach 8 Uhr alle 10 Minuten. Ein- und Aussteigen ist an jeder Haltestelle möglich – wie eine Hop-on-Hop-off-Tour durch eines der schönsten Viertel Deutschlands.
Rundgang-Tipps
- Start: S-Bahn S1 bis Blankenese, von dort zu Fuß ins Viertel (ca. 5 Min.)
- Dauer: Mindestens 2 Stunden, besser einen halben Tag einplanen
- Ausrüstung: Festes Schuhwerk ist Pflicht – die historischen Stufen können rutschig sein
- Orientierung: Verlaufen ist unmöglich – jeder Weg führt bergauf zum Süllberg oder bergab zur Elbe
- Einkehr: Café Schuldt unterhalb des Süllbergs, Treppenkramer für französische Spezialitäten, Fischbrötchen am Strand
Bröers Treppe mit historischem Straßenschild – Foto: Bernhard Diener, CC BY-SA 4.0
Berühmte Bewohner
Das Treppenviertel hat im Laufe der Jahre zahlreiche Künstler und Persönlichkeiten angezogen. Der Schriftsteller Hans Leip lebte hier und schrieb das Gedicht, das als „Lili Marleen" weltberühmt wurde. Auch die Schriftstellerin Charitas Bischoff und der Maler Paul Kayser wohnten in den verwinkelten Gassen. Mehr über die prominenten Bewohner erfahren Sie in unserem Magazin.
Besondere Herausforderungen
Das Leben im Treppenviertel hat auch seine Tücken: Die Müllabfuhr kann die meisten Straßen nicht anfahren – deshalb gibt es hier die „Sackabfuhr", bei der Müllsäcke von Hand abgeholt werden. Und wer hier ein Sofa geliefert bekommt, braucht starke Möbelpacker und gute Nerven. Aber genau das macht den Charme aus: Im Treppenviertel ticken die Uhren anders als im Rest der Großstadt.
Der Waseberg – das „Elb d'Huez"
Direkt neben dem Treppenviertel liegt der Waseberg – eine 600 Meter lange Straße mit bis zu 15 Prozent Steigung, die Radsportfreunde aus ganz Norddeutschland begeistert. Im Winter nutzen Familien die steilen Abfahrten zum Rodeln.
Ihr perfekter Tag in Blankenese
Lassen Sie sich treiben, biegen Sie in unbekannte Gassen ein und entdecken Sie versteckte Winkel. Das Schöne am Treppenviertel: Hinter jeder Ecke wartet eine neue Überraschung – ein blühender Garten, ein Blick aufs Wasser, ein malerisches Fischerhaus. Verbinden Sie Ihren Rundgang mit einem Besuch auf dem Süllberg für das Panorama, am Elbstrand für maritime Atmosphäre und beim Leuchtturm für das perfekte Foto.